Nazireich Imbissbude

Der Reader “Kaltland” hat mich teils brutal, teils sehr humorig darauf aufmerksam gemacht, dass die frühen 90er rein politisch so ziemlich an mir vorbei gegangen sind.

Ich war in der Schweiz und beobachtete die Ereignisse in Ostdeutschland eher mit Distanz. Das politische Vakuum, das nach dem Zusammenbruch der DDR im Osten entstand, die rechtsfreien Räume für Linke und Rechte und die daraus resultierenden Ereignisse in Wild East sind mir nur durch Legenden, Erzählungen und Fernsehbilder bekannt geworden.

Doch bevor ich Deutschland in Richtung Süden verließ, hatte ich ein 14tätiges Intermezzo unter Nazis in der Imbissbude Am Stern in Potsdams gleichnamigen Randbezirk, dass schon damals als sozialer Brennpunkt bekannt war. Da bot sich ein Bild, von dem man eine Vorahnung auf kommende Verwerfungen in Hoyerswerda und Lichtenhagen bekommen konnte.

Für eine Bekannte half ich in der Imbissbude aus. Pommes, Würstchen und Broiler standen auf dem Programm. Während am Tage viele Schüler und Anwohner die Bude belagerten, kamen in den Abendstunden die Alkis und die Spielsüchtigen, denn wir hatten nicht viel in der Bude, aber einen Spielautomaten.

Während der 24-Stunden Öffnungszeit versammelte sich der ganze soziale Querschnitt des Neubaugebietes. Es war das Kommunikations-Epizentrum und die Projektionsfläche der Menschen hier. Viel Kümmerling ging über den Tresen, man hatte Spaß miteinander und respektierte sich. Und dann kamen sie.

In einem meiner ersten Nachtdienste, ich hatte mich, laut Anraten meiner Bekannten, mit Schreckschusspistole und Baseballschläger bewaffnet, standen sie uniform und aufgewühlt vor der Tür. Als ich gerade mit einem Spieler quatschte kam der schneidige Befehl: 6 Kümmerling…bitte!

An seinem Koppelschloss blitzte ein Revolver auf. Mir ging der Arsch auf Grundeis, hatte ich Nazis noch nie in Echt gesehen. Sie diskutierten hart, immer wieder mit Parolen. Wie ich später erfuhr, waren sie gerade von einer Propagandaveranstaltung gekommen und wollten einen Absacker trinken.

Ihr Sprechen war ideologisch, ihr Habitus herrenmenschlich, ihre Gesten brutal und ihre Bestellungen hallten wie Befehle. Nachdem ich ihren forschenden Fragen erfolgreich ausgewichen war, musste ich vor Angst und Schrecken erst mal aufs Klo.

Die 50 DM Wechselgeld, die 2 Broiler und 10 Kümmerlinge waren zu verschmerzen, immerhin hatten sie mich am Leben gelassen. Als sie später wieder kamen, gab ich vor Freude ne Runde Kümmerling und sie ließen mich in Ruhe. Es waren nur immer kurze Besuche, sie hatten den Laden im Griff, die Spielsüchtigen, die Alkis, die Kleinkriminellen und mich.

Der Alptraum, Teil ihres Kosmos zu sein, endete nach 2 Wochen, ich verbuchte es unter Sozialstudie. Noch einmal sollte ich Nazis ungeschützt begegnen.

Es war 2010 am Alexanderplatz, als die Polizei eine Lücke zwischen ihnen und uns Antifaschisten ließ und ich in ihre verzerrten Gesichter schauen musste, wo sie letzten Verstand und letzten menschlichen Gesichtszug einfach wegbrüllten. Da erinnerte ich mich wieder an unfreiwillige Feten mit Kümmerling und Nazis in der Imbissbude Am Stern. (RW)

Erschienen auf wortwurm am 23. Juni 2013

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