Vorsicht Volk!

dieses land kennt nur schwarzweiss

Wer ist wir? Ich nicht!“ – Lesungen, Diskussionen, Konzerte, Filme

Sonnabend, 26. September 2015, Zukunft/Ostkreuz

„Die Einheit eines Volkes besteht hauptsächlich darin, dass es unter  Umständen wie ein einziger Verfolgungswahnsinniger handeln kann … Diese Art von Verwurzelung, die so gefährlich werden kann, ist oft in dem Augenblick geheilt, in dem man sie rasch und hart zerstört; und man sollte sich hernach sagen, dass gerade die erzwungenen Wanderungen ganzer Völker, die man so bedauert oder verabscheut, unter günstigen Umständen auch zu einer Heilung von ihrer Heimat-Paranoia führen können.“ (Elias Canetti)

Am 03. Oktober 2015 feiern Politik und Medien „25 Jahre Deutsche Einheit“. Im Zuge dessen wird sich der Bundespräsident wieder als DDR-Bürgerrechtler inszenieren, der er faktisch nie war, Dokumentationen werden das „Unrechtsregime DDR“ beleuchten, man wird die Helden der „friedlichen Revolution“ und „Einheitskanzler“ Helmut Kohl hochleben lassen, und über alle Kanäle werden Erfolgsgeschichten eines neuen „Lebens in Freiheit“ nach 1990 flimmern.

Eher unwahrscheinlich ist es dagegen, dass an die kriminellen Verwicklungen der Treuhand erinnert wird, die seinerzeit die DDR-Betriebe abwirtschaftete und Existenzen zerstörte. Beschwiegen werden auch die utopische Potentiale der kurzen Aufbruchszeit zwischen zwei Systemen, die spätestens mit dem beflaggten Jubel des 03. Oktober in alle Winde zerstoben. Auch das neue geopolitische Engagement des gewachsenen Deutschlands, das 1992 die Destabilisierung Jugoslawiens vorantrieb und 1998 zum ersten Kriegseinsatz deutscher Soldaten nach dem 2. Weltkrieg führte, wird wohl nicht beleuchtet werden. Und keinesfalls wird man der Pogrome, rassistischen Menschenjagden und brennenden Häuser gedenken, die gerade in den ersten Jahren massiv das Bild dieses „geeinten Deutschlands“ prägten.

Die Veranstaltung „Vorsicht Volk!“ will – eine Woche vor den offiziellen Bierseligkeiten zu 25 Jahren deutscher Einheit – mit Lesungen, Podiumsdiskussionen, Konzerten und Filmen eine andere Geschichte erzählen, die Schattenseiten jener 25 Jahre beleuchten und an bereits weitgehend vergessene Ereignisse erinnern. Zum Themenspektrum gehören dabei:

  • Die völkische Entwicklungslinie vom ersten „Wir sind das Volk!“ im Jahre 1989 bis zu aktuellen Wahnbewegungen, wie Pegida, Friedenswinter & Co, zu deren Selbstverständnis es stets gehört, „das Volk“ zu repräsentieren.
  • Rassismus im einigen Deutschland, über die weitgehende Abschaffung des Asylrechts sowie die Verwandlung weiter Teile der Ex-DDR in eine „national-befreite Zone“ und die NSU-Mordserie bis hin zu aktuellen Kampagnen gegen Flüchtlinge.
  • Der Abschied vom Sozialstaat und die Umwandlung in eine Billiglöhnergesellschaft, die zunehmend die Wirtschaft der europäischen Nachbarn destabilisiert.
  • Die Erinnerung an die Aufbruchszeit nach Mauerfall, die Suche nach deren utopischen Gehalten & Experimenten und die Frage, was davon übrig blieb, ob und wie wir uns die Erfahrungen jener Zeit nutzbar machen können.
  • Die Forderung nach einer „Aufarbeitung der Aufarbeitung“.

Wer ist wir? Ich nicht!“ (Gerhard Polt)

Unterstützer:

Erich Mühsam Fest Crew, Gedankenmanufaktur WORT & TON, Verbrecher Verlag, Emanzipatorische Linke Berlin, Jungle World, Taz, VVN/BdA, tbc.

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